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Jetzo
blickt sie nach dem Abendrote Jetzo blickt sie nach dem Abendrote,
Ob mit ihm erscheinen wird der Bote, Ihr des Liebsten ersten Brief zu
bringen: "Hättest du doch meiner Sehnsucht Schwingen!" Und es
sinkt die Nacht, der Bote weilet: Und er kommt, dem sie entgegeneilet.
Und sie hat des Liebsten Brief erhalten, Säumet, auseinander ihn zu
falten, Muss die Aufschrift, ihren Namen, lesen, Der ihr selber nie
so schön gewesen. Und nun ruhen auf der Schrift die Augen, Alle
Züge liebend einzusaugen, Die für sie des Liebsten Hand gezogen,
Jede Zeil' ein Liebesregenbogen, Jedes Wort ein lichter Stern im
Blaue, Jeder Buchstab' eine Ros' im Taue. So verschönt zu einer
Liebesblüte Sich das Blatt dem liebenden Gemüte. Und nun
sitzt sie, gleich zu schreiben, nieder Gib, o Nacht, dein tauiges Gefieder
Ihrem Blatt, dass mit dem Morgenrote Mir zurück geflügelt
sei der Bote! Herz! wie soll die Ungeduld ich nennen, Da von ihr dich
nur zwei Tage trennen, Da von ihr dich trennen nur zwei Meilen, Dass
von ihrer Hand nach zweien Zeilen Geizest so mit ungestümem Drange?
Was sie schreiben wird, du weißt es lange; Und sie weiß
es wohl, was du wirst schreiben: Und so könnt' es billig
unterbleiben. Freilich, Neues hat sich nicht begeben; Doch, dass
Alles steht beim Alten eben, Dieses wissen, das sich stets vom neuen
Sagen, kann nur Liebende erfreuen. Ja, es ist kein andrer Trost geblieben
Zweien, die sich fern sind und sich lieben, Als der Seele Jubel und
die Klagen, Was der Mund nicht kann dem Munde sagen, Einem stummen
Blatt es anvertrauen, Schreiben es und es geschrieben schauen.
Friedrich Rückert 1788-1866
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