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Unvergleichlich
blüht um mich der Frühling Unvergleichlich blüht
um mich der Frühling, In die Fenster schlagen Nachtigallen,
Heiter blickt der Himmel her, die Sonne In das Stübchen, wo ich sitz'
und dichte. Mehr als Blumen im Gefilde, sprossen Lieder täglich
unter meiner Feder. Und vom Flore meiner Blätter blick' ich
Zwischenhin auf den des Frühlings draußen, Lächl' ihm zu
und seh' ihn wieder lächeln. Jeder von uns beiden scheint zufrieden
Mit sich selbst und mit dem andern; jeder Tut und lässt den
andern tun das Seine. Und, den Tag lang dichtend, denk' ich immer An
den Abend, wo, zu süßen Tagwerks Süßem Lohn, ich
gehe zu der Guten, Die mit treuer anspruchloser Neigung Mich
beglückt, wie ich es nie mir träumte. Hab' ich doch allein
für sie gedichtet, Wie der Frühling sich für sie nur
schmückte. Und sie freut sich meiner Liedesblüten, Wie der
Kränze, die der Lenz ihr bietet, Teilt ihr Lächeln zwischen
beiden Freunden, Die einander nicht den Anteil neiden. Lieben,
dichten und den Frühling schauen, Dichten und den Frühling
schaun und lieben - Gibt es einen angenehmern Kreislauf, Als in dem
ich spielend mich bewege? Und den süßen Kelch mir scharf zu
würzen, Rascher zum Genuss mich aufzufordern, Steht der Abschied
winkend in der Ferne. Näher treten seh' ich ihn bedeutsam,
Sprechend: Alles dieses musst du lassen. Wie das Leben schön ist,
weil es endet, Wie die Jugend lieblich, weil sie fliehet, Wie die
Rose reizend, weil sie welket; So empfind ich heut' ein Glück
gedoppelt, Das mir morgen schon der Tod will rauben. Angefangne
Lieder möcht' ich enden, Doch unendlich quellen sie im Herzen.
Rosenknospen möcht' ich noch im Garten Sich zur Blüt'
erschließen sehn und brechen. Und die Sonne dieser tiefen Augen,
Die mit jedem Blick von Seelentreue, Ew'ger Fülle der Empfindung
sprechen, Möcht' ich ganz noch in die Seele trinken. Lass, o
Herz, dich nicht vom Drang verwirren, Sondern nimm, was du noch darfst,
besonnen: Diese ungebornen Lieder alle, All' die Hoffnung dieser
Rosenknospen, Diesen Frühling, diesen Liebeshimmel, All' dies
Glück, o fass' es, wenn du scheidest, In ein liebendes Gefühl
zusammen, Nimm es mit! Wer kann's der Seele rauben? Die Erinnrung
wird davon sich nähren, Wenn die Gegenwart die süße
Nahrung Dir versagt, woran dein Herz gewöhnt ist. Phantasie und
Liebe, deren Flügel Nicht der Zeit, der Räume Trennung achtet,
Wird, wo du auf öden Steppen weilest, Jeden Augenblick
zurück dich tragen In das Paradies, das du verlassen.
Friedrich Rückert 1788-1866
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